Der Blick in die Zukunft

Auf einem modernen Computer finden sämtliche Bücher und Schriftrollen aller mittelalterlichen Bibliotheken spielend Platz, und es bleibt noch viel Platz für Ihre Urlaubsfotos.

Yuval Noah Harari

Der Abenteuerspielplatz

Diese Blickrichtung hat etwas von, einfach mal machen. Keinen Plan haben und keine Scheu. Sich etwas vorstellen, ohne sich von Wenns und Abern entmutigen zu lassen. Die Vision, der Nordstern, das Zukunftsbild, die Traumreise – nenn es, wie du willst, da ist etwas, was du dir ausmalen kannst, weil es die Erfüllung deiner Wünsche und Vorstellungen beinhaltet, auch wenn du noch nicht genau weißt, wie es geht. Der Blick in die Zukunft ist also genau so gemeint. Es ist kein Blick auf einen Plan oder ein Konzept (das kommt später nach und nach dazu), sondern es ist die Sehnsucht nach dem Meer.
Als Bild für den Blick auf das System hatte ich ein KI-Malprogramm gebeten, einen Abenteuerspielplatz zu zeichnen. Für mich ist das der Inbegriff des menschlichen Daseins. Es macht Spaß, ihn zu bauen und darin herumzutoben. Und das ist auch seine einzige Funktion: Spaß machen. Kennt ihr diese schlimmen Spielplätzchen, die zwischen Wohnsilos eingeklemmt von der Immobilienfirma „spendiert“ wurden? Eine niedrige Rutsche und ein Sandkasten. Oder ein Klettergerüst aus Plastik und irgend so ein Wipp-Tierchen. Das bleibt übrig, wenn du etwas planst und schon bei der Planung alle Eventualitäten und Gefahren aus dem Weg räumen willst: Ein langweiliges Wippe-Tier. Beim Abenteuerspielplatz träumen die Kinder von einem Schloss oder einer Burg – und fangen an zu bauen. Was funktioniert oder nicht, entscheidet sich beim Bauen, und auch wenn die Zugbrücke nicht umsetzbar ist, dann heißt das nicht, dass das Brett, das da von einer Palette zur andern führt, keine Zugbrücke ist.
Und genau darum geht es, wenn du deine Schule transformieren willst: Stell dir heute schon vor, wie es wäre, wenn alles fertig wäre und handle entsprechend.

Dieses Kapitel beinhaltet zwei Themen, die sich erst einmal nicht nach diesem unverstellten Blick in die Zukunft anfühlen, um die du dich aber kümmern musst, wenn du ermöglichen willst, dass deine ganze Schule sich darauf einlässt, in die Zukunft zu blicken.
Das erste Thema ist das der Kultur. Hier ergibt sich für dich die Frage: Wie läuft es denn so an deiner Schule? Wer redet da mit wem, wie entstehen Meinungen und Entscheidungen, wer füttert eigentlich den von allen geteilten Mythos? Und wer schweigt?
Das zweite Thema beschäftigt sich damit, wie eine ganze Schule zu einer gemeinsamen Vision kommen kann. Wenn du so willst, ist dies die oberste Ebene der Verwandlung, der Transformation: Die Schule denkt in der Frage „Wie könnte es sein?“ und nicht merh in der Frage: „Wie läuft’s?“  

Von Zielen, Indikatoren und Anforderungen

Viele Texte über Zukunft und Transformation beginnen mit der VUKA-Welt. Falls du noch nie davon gehört hast, kannst du im Internet in wenigen Minuten lernen und nachvollziehen, was mit VUKA gemeint ist. Entscheidend ist hier die Erkenntnis, dass du innerhalb eines Verwandlungsprozesses nicht ein Ziel definieren und gleichzeitig auf dem Papier den Weg dorthin vorausplanen kannst.

Die Komplexitäts-Kultur

Als reine Organisation betrachtet, besteht Schule aus Strukturen und dem organisierten Einsatz von zweckgebundenen und budgetierten Ressourcen, die für die Schülerinnen und Schüler Gelegenheiten zum Lernen bereitstellen. So simpel und grundsätzlich betrachtet ähnelt eine Schule viel mehr einem öffentlichen Park als einem Unternehmen. Die betriebswirtschaftliche Input-Outcome-Logik wird sowohl im Park als auch in der Schule empfindlich dadurch gestört, dass sich das Outcome, also der Ertrag, der dem Investitionsaufwand gegenübersteht,

a) nicht garantieren lässt,

b) kaum gemessen werden kann und

c) weder den Einzelaufwendungen, noch dem Gesamtbudget ursächlich zugeordnet werden kann. Soll heißen: Wenn ich einen schönen Park anlege, biete ich den Besuchern damit Gelegenheit, sich zu erholen, die Natur zu genießen und damit – irgendwie – gesünder zu sein. Ich habe eine lange Liste an Kosten, für die ich als Parkbesitzer aufkommen muss: Für den Rasenmäher, die Gärtnerinnen, den Baumpflegedienst und neue Tulpenzwiebeln. Aber ich weiß nicht, ob es der gemähte Rasen, die Blumen oder die Bäume sind, die den Besuchern gut tun. Ich weiß nicht einmal, ob alle Besucher sich wirklich erholen. Ich kann den Park gestalten, aber ich habe keinen direkten Einfluss und keine Einsicht in die Bedarfserfüllung der Besucher.

Genauso ist es in der Schule. Sie bietet Gelegenheiten zum Lernen, kann aber nicht abrechnen, inwiefern ihre „Kundinnen“ diese Gelegenheiten wirklich nutzen. Auch Kompetenztests, Vergleichsarbeiten, Studien u.ä.m. schaffen es nicht, diese Lücke zu füllen – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Zu komplex sind die Wirkungszusammenhänge, zu vielfältig die individuellen Bedingungen, Voraussetzungen und Ansprüche.
Stell dir vor, du würdest ein Restaurant betreiben und versuchen, nicht in verkauften Essen, sondern in Sattheit abzurechnen.
Schule soll in jedem Individuum die folgenden Aspekte beeinflussen: Wissen, Können, Konzentration und Aufmerksamkeit, Ziele, Motivation, aber auch so etwas wie Werte, Normen, gesellschaftlich geteilte Bedeutungen und Interpretationen, kulturelle Routinen usw. Vieles davon geschieht unterbewusst, inexplizit und unsichtbar.
Schule zu halten, Menschen bilden zu wollen, Lehrer zu sein, ist angesichts der enormen Komplexität eigentlich ein unmöglicher Job.
Diese Unmöglichkeit auszuhalten und mit und trotz all dieser Ungewissheiten als Organisation zu bestehen, haben die Schulen individuelle und spezifische Kulturen entwickelt. Jede Schule ihre eigene.
Eine Art schuleigene Evidenz beweist – scheinbar offensichtlich – wie die Dinge zu tun sind und was es bedeutet, die Dinge richtig getan zu haben. Eine wesentliche Einflussgröße für diese gefühlte Evidenz der Schule ist der Schöne Schein. So, wie Systeme es vor allem immer schaffen, sich selbst zu erhalten, indem sie – wie gesagt – ihre Informationswege auf Selbstreferenz setzen, genau so entwickeln Kulturen eine ganz bestimmte Sprache und einen Wortschatz. Kulturen entwickeln Märchen von Erfolg und Misserfolg, von Richtig und Falsch, von Heldinnen und Faulenzern. Diese Märchenwelt der Konnotationen und des Mitgemeinten nenne ich den Schönen Schein.

Kultur besteht aus dem, worüber gesprochen wird

Stell dir vor, deine Schule bestünde nur aus zwei Schulklassen und aus vier Lehrkräften. Du kommst als neue Schulleiterin an diese Schule und merkst schnell, dass es schwer für dich ist, bestimmte Themen anzusprechen. Einige Aspekte des Schulalltags, die du von deinen bisherigen Schulen kennst, scheinen an dieser Schule nicht zu existieren. Zum Beispiel die Arbeit mit den Eltern, kommt hier gar nicht vor oder das überfachliche Lernen. Es ist nicht so, dass du da auf offenen Widerstand stößt, es ist nicht so, dass die Lehrerinnen und Lehrer die Zusammenarbeit mit den Eltern für unsinnig halten oder, dass sie dir dieses Thema irgendwie ausreden wollen. Eher hast du den Eindruck, dass du erst einmal ausführlich erklären musst, was du mit _Elternarbeit_ meinst. Oder: Während in den Bildungsplänen und in vielen Untersuchungen über erfolgreichen Unterricht die überfachlichen Kompetenzen eine zentrale Rolle spielen, scheinen deine vier Kolleg:innen noch nie etwas davon gehört zu haben. Plötzlich bist du in der Rolle desjenigen, der mit einer wilden neuen Idee in ein gut funktionierendes System kommt und sich erst einmal ausgiebig erklären muss. Du hältst einen Aspekt für zentral und gewissermaßen für trivial, aber deine Schule reagiert mit großen Fragezeichen darauf und verlangt von dir erst einmal ein Konzept.

Was kannst du tun?

Entsprechend des systemischen Ansatzes, den du verfolgst (den Kopf heben), machst du dir bewusst, dass es nicht an den Persönlichkeitsmerkmalen deiner vier Lehrkräfte liegt, dass man dich nicht versteht. Irgendetwas in den Strukturen dieser Schule hat bisher verhindert, dass diese beiden Themenfelder – Elternarbeit und überfachliche Kompetenzen – für die Schule bedeutsam geworden sind.

  • Zum Glück verwechselst du Struktur nicht mit Regeln.
  • Zum Glück siehst du in den vorhandenen Routinen und Absprachen nicht Fehlfunktionen oder menschliche Schwächen.
  • Du weißt, dass du das vorhandene System nicht einfach so verstehen kannst. 
  • Also schaust du dir deine Schule genauer an und stellst dir dabei die Frage: Worüber wird hier denn überhaupt gesprochen und wer spricht dabei mit wem?

Die Frage nach dem Wer-mit-Wem-Worüber? ist die Frage nach der Kultur.

Du entdeckst, dass deine Schule zwar zwei Klassenräume, zwei sogenannte Differenzierungsräume, eine Sporthalle, einen Kunstraum und einen gemütlich eingerichteten „Regenpausenraum“ für die Schülerinnen und Schüler hat, dass aber für die vier Lehrkräfte nur ein schmaler Raum mit einer Küchenzeile zur Verfügung steht. Dieser Raum befindet sich genau zwischen den beiden Klassenräumen. Zwei der vier LehrerInnen sind Raucher, diese beiden sind außerdem die „alten Häsinnen“ der Schule, während die beiden Nichtraucher relativ neu an der Schule sind. Es stellt sich heraus, dass die alteingesessenen LehrerInnen in ihren Raucherpausen auf der Rückseite des Schulgebäudes alle wichtigen Belange der beiden Schulklassen besprechen und zentrale Entscheidungen treffen. Die beiden jüngeren LehrerInnen stehen in den Pausen meist in der Kaffeeküche und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus dem Unterricht aus. Alle Themen, die darüber hinaus gehen, Ausflüge, Vergehen einzelner Schüler, Klassenraumgestaltung usw., haben die beiden von Anfang an den älteren KollegInnen überlassen. Das war keine Absicht, sondern hat sich einfach so ergeben. Im Scherz äußerte sich einer der beiden jungen Kollegen einmal dir gegenüber dahingehend, dass er sich manchmal wünsche, selbst Raucher zu sein, um mehr an den Entscheidungen der Schule beteiligt zu sein.

Dadurch, wer mit wem worüber spricht und worüber nicht gesprochen wird, ist an dieser Schule schon vor langer Zeit eine Kultur entstanden. Allein die Kommunikationsgelegenheiten, die u.a. durch die räumliche Situation vorgegeben sind, haben einen Themenkanon geschaffen und eine Hierarchie entstehen lassen. 

Niemand hat das jemals beschlossen, niemand hat das jemals als strukturelle Ordnung vorgeschlagen. Du wirst keine Protokolle finden, in denen dokumentiert ist, dass an dieser Schule zwei KollegInnen für die großen Themen zuständig sind, während die anderen beiden „nur“ unterrichten und die ersteren höchstens mal um Rat fragen.

Auch, wenn das in meinem Fantasie-Beispiel zugespitzt wirken mag, wirst du an jeder Schule solche ganz selbstverständlichen Strukturen finden, die nur informell und inoffiziell existieren, dabei aber die Geschicke der ganzen Schule bestimmen.

Faszinierenderweise kommt die Schulkultur als ein solches Konglomerat informeller Kommunikations- und Verhaltensmuster in kaum einer Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungen vor, geschweige denn in der LehrerInnen-Ausbildung.

Die Frage, wie sich Kulturen verändern lassen, stellt allerdings die zentrale Frage für die Transformation unseres Schulsystems dar.

 

Also: Eine (Schul-)Kultur entsteht durch Kommunikation. Die Kultur besteht aus Worten, Themen, Glaubenssätzen, Annahmen usw., die explizit und implizit kommuniziert werden. UND sie besteht aus Worten, Themen und Modellen, die nicht ausgesprochen werden. 

 

In meinem Vier-KollegInnen-Modell müsstest du als Schulleiterin Räume öffnen, um andere Gespräche und damit auch andere Themen möglich zu machen. In diesem Beispiel kann man „Räume öffnen“ im wortwörtlichen Sinne verstehen. Vielleicht richtest du neben der Kaffeeküche eine Sitzecke ein, in die du dich selbst in jeder Pause setzt. Die RaucherInnen sehen dich da plötzlich mit den beiden jungen KollegInnen sitzen und fragen sich, welche Gespräche sie möglicherweise verpasst haben. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, die inoffizielle „Raucherecke“ hinterm Haus zu schließen – durch ein Verbot oder einen frisch angepflanzten Rosenbusch …? Aber natürlich geht es auch um die Erweiterung der Verantwortungsräume. Deklariere eine Aufgabe zur Teamaufgabe für alle vier Lehrkräfte deiner Schule, sodass die jungen KollegInnen beteiligt werden müssen. Verändere bisherige Teams, verändere die Anforderungen, indem du Unterschwelliges und Ungesagtes offen ansprichst und klare Antworten erwartest.

Dein Ziel muss es dabei sein, die bestehende Kultur zu irritieren und herauszufordern. Das schaffst du, indem du zunächst einmal diese Kultur nicht (mehr) bedienst. In meinem Beispiel ist dies die kleine Kaffeeküche, in der es nur Stehplätze gibt. Du erkennst, dass ein Teil der informellen Struktur deiner Schule darin besteht, dass die entscheidenden Themen nicht im Schulgebäude in der Anwesenheit aller besprochen werden, sondern in der Raucherecke von den alteingesessenen LehrerInnen. Diese Struktur bedienst du nicht, indem du wartest, was in der Raucherecke beschlossen wurde oder indem du mit den jungen KollegInnen in der Kaffeeküche stehst und über Alltägliches sprichst. Und natürlich gehst du schon erst recht nicht raus zu den RaucherInnen. Du etablierst eine neue Struktur: Ein bequemes Sofa, eine Gesprächsrunde mit dir und: Die zentralen Themen!

Vielleicht denkst du jetzt, dass mein Beispiel überzogen ist. Wahrscheinlich kommt dir meine Lösung auch zu einfach vor. Dann möchte ich dich bitten, „die Raucherecke“ und „die Kaffeeküche“ als Symbole zu nehmen. Du könntest die beiden Begriffe auf Kärtchen schreiben und sie dir als Erinnerung in dein Büro hängen. Dann gehst du auf Entdeckungstour durch deine Schule und suchst nach „Raucherecken“ – symbolisch für Gruppen und Orte, an denen de facto Entscheidungen über die Grundsätze deiner Schule getroffen werden, sei es explizit oder implizit – und „Kaffeeküchen“ – symbolisch für Gruppen oder Orte, an denen Menschen versammelt sind, die nicht zu Wort kommen, aus welchen Gründen auch immer. Du wirst da etwas finden, da bin ich mir sicher. Aber, das gebe ich zu, solche Kulturmerkmale sind nicht so leicht zu identifizieren, wie in meinem Beispiel. 

Und eines ist mir an dieser Stelle noch wichtig: Es geht bei der Irritation einer Kultur nicht darum, jemanden zu bestrafen. Es geht nicht um richtig oder falsch. Innerhalb des Blicks auf die Kultur gibt es kein falsches Handeln. Wie auch beim Blick auf das System, ist das menschliche Handeln innerhalb einer Kultur folgerichtig, so lange es akzeptiert ist. Wenn du eine andere Kultur willst, musst du damit anfangen, bestimmte Handlungen nicht mehr als selbstverständlich richtig zu akzeptieren.

 

Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

 (Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus, 16. Juli 1903)

Der agile Blick

Die Grundidee des Agilen ist schon ziemlich alt. Das agile Manifest der Software-Entwicklung stammt aus dem ersten Jahr des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Jetzt, wo diese Idee gerade anfängt, einige Menschen im Schulsystem zu begeistern, wird sie von anderen auch gleich wieder als Mode abgetan. Der Verdacht liegt nahe, dass da Angst im Spiel ist. Schau dir diese Liste an:

  • Geplante Abläufe und Methodeneinsatz
  • vollständige Dokumentation
  • vereinbarte Verpflichtungen
  • Einhalten des Plans

Natürlich sind das keine Werte agiler Entwicklung. Vielmehr ist dies die Liste der Gegenwerte. Das agile Manifest von 2001 verlangte, dass Pläne, Protokolle, Verträge und Prozesse an Bedeutung verlieren sollten. Stattdessen sollten Individuen und Interaktionen, anwendbare Ergebnisse, die ständige Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber oder Kunden und die Fähigkeit, auf Veränderungen reagieren zu können, die neuen Leitwerte sein.
Und genau das ist das Attraktive an der Agilität: Sie stellt Gegenwerte zu dem auf, was wir in Schule nur allzu sehr gewohnt sind, was uns nervt und dem System unfassbare Trägheit verleiht: Wer seine Stunde nicht geplant hat, kann kein guter Lehrer sein, wer das Elterngespräch nicht ordentlich dokumentiert hat, hat im Grunde keins geführt, eine Schule ohne Hausordnung kann ja nicht funktionieren. Leistung überprüfen, Regeln durchsetzen, methodische Schritte befolgen, Konsequenzen androhen, Listen ausfüllen … Welche Bedeutung haben diese Grundsätze an deiner Schule?
Seit der „Erfindung“ des agilen Manifests haben sich unendlich viele Menschen und Branchen mit dessen Werten auseinandergesetzt und versucht Übersetzungen für die je eigene Branche zu finden. Irgendwann haben auch Menschen aus Schule und Verwaltung sich von der agilen Haltung inspirieren lassen. Aber, während heute in der Software-Entwicklung bereits die Frage gestellt wird, ob Agilität überhaupt noch in ein KI-Zeitalter passt, wirken in Verwaltung und Schule die Freunde des Agilen noch immer wie Spinner, die behaupten, man könne in der Wüste Spargel anpflanzen.
Und tatsächlich bin ich bei diesem Kapitel am unsichersten, wie du reagieren wirst. Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, dass du nicht schon mit einem agilen Blick herumläufst – oder das zumindest versuchst. Und ja, Agilität ist natürlich nicht alles, sie stellt eben nur einen Rahmen dar und kein detailliertes Konzept. Seit einiger Zeit finden Methoden, die sich dem agilen Rahmen zuordnen lassen, auch Eingang in die Schulen. Es gibt Versuche, die Schülerinnen in Scrum-Teams arbeiten zu lassen, das Kanban-Board wird als Alternative zum klassischen Projekt-Plan eingesetzt, Leitlinien und Schulprogramme werden kreativer und unter Zuhilfenahme von sogenannten liberating structures erarbeitet u.ä.m. Vieles kannst du andernorts nachlesen. Die Sucheingaben „Agilität und Schule“, „Agile Bildung“, „Agile Didaktik“ liefern die genug Material, um dich ganze Sommerferien lang mit diesem Thema zu befassen.
Ich habe den vielen guten und einigen gutgemeinten Erklärungen, was Agilität bedeutet und wie man etwas mehr Agilität in schulische Handlungen einbringen kann, nichts hinzuzufügen. Mir geht es hier darum, mit dir zusammen über die „letzten“ Konsequenzen nachzudenken, die zu ziehen eigentlich am Anfang einer Verwandlung hin zu einer agilen Schule stehen müssten.
Denn viel mehr als die Methoden und schönen Grafiken ist mit agil ein bestimmtes Verständnis von der Natur des Menschen verbunden, aus dem heraus sich ziemlich logische Konsequenzen für die Zusammenarbeit des Menschen ergeben. Und das Faszinierende dabei ist: Die Schulforschung hat diese Konsequenzen längst gezogen.

Kooperation und das uralte agile Menschenbild

Schau dir nun diese Liste an:

  • Individuen und Interaktionen
  • anwendbare Ergebnisse
  • ständige Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber oder Kunden
  • die Fähigkeit, auf Veränderungen reagieren zu können

Dies sind die „neuen“ Werte der Agilität. Wie gesagt, sie sind schon ziemlich alt. Im Grunde beschreiben sie nichts anderes, als eine Art Kriterienkatalog für erfolgreiche Zusammenarbeit. Wenn du Angst davor hast, diese Werte an deiner Schule ins Zentrum deines Leitungshandelns zu rücken, dann wahrscheinlich deswegen, weil du tatsächlich Angst davor hast strukturelle Entscheidungen aus der Hand zu geben. Was letztlich nichts anders bedeutet, als dass du Angst davor hast, die Menschen kooperieren zu lassen. Und ich meine wirklich kooperieren. Betrachte das Organigramm deiner Schule – falls es eines gibt – und markiere mit einem farbigen Stift, wo wirkliche und echte Kooperation stattfindet.
Weder Arbeitsteilung, noch Delegation haben etwas mit Kooperation zu tun. Aber das sind die üblichen Merkmale schulischer Zusammenarbeit. (… wird fortgesetzt …)